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Dieser Artikel wurde in
der Fachzeitschrift "Der neue Apotheker" im Juni 2004 (A) veröffentlicht und wird hier mit freundlicher Genehmigung abgedruckt. Autor: Dr.Irene Promussas |
PHHI
– Persistent Hyperinsulinemic Hypoglykemia in Infancy –
so lautet die
internationale Bezeichnung für diese
äußerst selten vorkommende genetische Erkrankung.
Die Therapiemöglichkeiten
sind nach wie vor unbefriedigend.
Beim
Hyperinsulinismus (HI) handelt es sich
um eine Funktionsstörung der
pankreatischen ß-Zellen,
die unkontrolliert Insulin ausschütten.
Hauptsymptom
ist die Hypoglykämie.
Die betroffenen Neugeborenen sind meist makrosom,
zeigen bei der Geburt entweder keine oder folgende Symptome:
Schrilles Weinen, Schwitzen, Lethargie oder Zittern.
Einziges erstes
Erkennungsmerkmal ist der gemessene Blutzucker,
der meist siginifikant niedrig ist.
Um zur richtigen Diagnose zu kommen,
bedarf es allerdings einer rasch erstellten Differentialdiagnose sowie
sofortiger intravenöser Glucosegabe.
Ausgeschlossen werden müssen:
–
Sepsis
– Beckwith-Wiedemann Syndrom
– Glykogenspeicherkrankheit
– Perinataler Stress
– Maternale Medikation
– Adrenale Insuffizienz
– Defekte des Amionosäuremetabolismus,
u.a.
Auch
Frühgeborene leiden mitunter an Hypoglykämien,
die sich in der Regel aber
rasch beheben lassen.
Die
wichtigsten Diagnosekriterien für HI sind:
– Blutzuckerspiegel kontinuierlich unter 50 mg/dl
– hoher Insulinspiegel während der Hypoglykämie
– kaum freie Fettsäuren und Ketone während Hypo
Die
erforderliche i.v. Glucose beträgt mindestens 15 mg/kg/min; auf Glucagongaben
wird gut angesprochen.
Eine
oft gestellte Frage ist der Unterschied zum Insulinom:
Das Insulinom ist ein
Tumor der ß-Zelle.
Es zeigt zwar die gleichen Symptome,
kommt aber in der
Regel nicht bei Kindern vor und ist nicht hereditär.
Erkennbar durch eine unregulierte Expression von Somatostatin und daher mit
Somatostatin-Analoga nachweisbar,
besteht seine Therapie in der Excision des Tumors.
Die
Ursache für HI besteht in einer dysregulierten, willkürlichen Insulinausschüttung
aufgrund nicht funktionierender Rezeptoren wie z. B. dem SUR 1
(Sulfonylharnstoffrezeptor) und Defekten von Kalium- und Kalzium-Kanälen.
Tatsächlich gibt es unterschiedliche Formen und Verläufe dieser Krankheit.
Die
Genetik ist noch nicht vollständig erforscht.
Eine
autosomal rezessive Form, die durch das SUR 1 Gen bzw. das KIR 6.2 Gen
determiniert ist, ist v.a. im arabischen Raum sehr häufig
(1:2600,
gegenüber weltweit 1:50 000).
Die
autosomal dominante Form beruht meist auf Glukokinasedefekten.
Weiters
ist eine uniparentale, d.h. paternale Form bekannt, die manche fokale
Varianten hervorbringt. Schließlich gibt es noch den HI unbekannter Herkunft
(Spontanmutation?),
der oft auch mit einer Hyperammonämie einhergeht (HI/HA)
und durch hohe Proteinsensitivität v.a. gegenüber Leucin gekennzeichnet ist.
Die betroffenen Kinder erleiden sofort einen Hypo, wenn sich in ihrer Nahrung
zu viele Proteine und zu wenig auffangende Kohlehydrate befinden.
Die
Therapie gestaltet sich in den ersten Lebenswochen äußerst schwierig und
frustrierend, da erst im Laufe eines Therapieschemas das richtige Medikament
herausgefunden werden muß.
Das
Um und Auf ist zunächst eine kontinuierliche i.v. Glucosegabe, meist via
Zentralvenenkatheter,
gekoppelt mit kontinuierlicher Nutrition.
Meist
entwickeln die Säuglinge aufgrund der hohen Kohlehydratgaben schnell eine
massive Eßstörung, und es ist eine PEG – Sonde nötig.
Erschwerend kommt
hinzu, daß Erbrechen an der Tagesordnung ist,
was wiederum einen
Blutzuckerabfall nach sich zieht und einen Teufelskreis aus vermehrter KH-Gabe
– Blutzuckermessen – Erbrechen – Substituieren – Übelkeit –
Erbrechen usw. provoziert.
Glucagongaben
sind immer nur als Notfallmedikation anzusehen,
eignen sich nur zur
Stabilisierung, nicht aber als Dauermedikation.
Die
drei gängigen Substanzen zur Therapie sind bis dato:
– Diazoxid (10–15 mg/kg/d)
– Nifedipin
(nur in 10% erfolgreich, oft in Kombination)
– Octreotid (5–40 mcg/kg, als Dauerinfusion mittels Pumpe oder in shots).
Schlägt
keine dieser Therapien an, bleibt nur noch die chirurgische Methode der
Pankreatektomie.
Ziel ist die Reduktion der dysregulierten Insulinsekretion
durch Resektion der ß-Zellmasse.
Soweit
möglich, unterscheidet man einen diffusen und einen fokalen HI.
Beim
diffusen HI ist nicht vorhersehbar, wieviel Zellmasse betroffen ist, daher
wird subtotal (95%) ektomiert. Die Folge ist eine hohe Rate von Diabetes
mellitus innerhalb der nächsten 3–10 Jahre.
Die
seltenere fokale Form kann unter Umständen durch pankreatisches
Venenkatheterisieren definiert werden.
Diese Methode ist aber ebenfalls
invasiv und nicht immer erfolgreich.
Seit kurzem gibt es auch eine Ca-
Testmethode und einen neuen PET Scan; davon gibt es aber erst wenige Reporte.
Hat
man das Glück, einen Focus zu finden, so ist es möglich, intraoperativ die
normalen Pankreasanteile zu konservieren.
Die
klinischen Folgeerscheinungen des HI sind sehr schwerwiegend.
Sie reichen von Dauermedikation mit entsprechenden Nebenwirkungen
über
kontinuierliche Hypoglykämien mit resultierenden Gehirnschäden bis hin zu
schweren neurologischen Folgen wie Epilepsie,
cerebraler Retardierung und
sozialen Verhaltensstörungen.
Das
Alltagsleben mit einem HI-Kind erfordert Umstellung in allen Bereichen.
Es muß
regelmäßig (ca 3-stündlich) Blutzucker gemessen,
kontinuierlich ernährt
und ein Notfallmanagement beherrscht werden.
Die
betreuenden Eltern müssen sich außerdem pflegerische Fertigkeiten wie
Sondenpflege, Pumpenwartung (neben Dauerinfusion eventuell auch nächtliche
Ernährungspumpe), Medikamentenapplikation u.v.m. aneignen.
Begleittherapien
wie Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie für die weit verbreitete Eßstörung
können sehr hilfreich sein.
Auch mobile Frühförderung kann den zunächst oft hypotonen Kindern den Start
ins Leben erleichtern.
Wichtig
ist v.a. die regelmäßige ärztliche Kontrolle mit großem Blutbild,
ein
regelmäßiger Ernährungs-Checkup mit einem Diätassistenten,
aber auch – und vor allem – der Austausch mit Betroffenen, die wertvolle
Tipps aus ihrem reichhaltigen Erfahrungsschatz liefern.